Themen

Realer Kapitalerhalt: Leicht gesagt – nicht immer leicht zu erreichen

Das Kapital ihrer Kunden langfristig zu bewahren und zu vermehren versprechen fast alle Family Offices. Sie auch?

Segura:  Ja. Unsere Mandantinnen und Mandanten formulieren das auch häufig als Mindestanforderung. Wir zeigen ihnen Wege, die das möglich machen.

Wird mit der langfristigen Bewahrung – also dem bloßen Erhalt des Kapitals – die Messlatte nicht etwas tief gehängt?

Segura: Beginnen wir bei der Langfristigkeit, das ist die erste Herausforderung. Wie lang ist langfristig? Geht es nur um die eigene Lebensplanung? Oder auch um die der Töchter und Söhne oder sogar der Enkel? In den meisten Fällen reden wir nicht nur über die Perspektive für eine einzelne Person, sondern für eine ganze Familie und damit über einen Anlagehorizont von mehr als einem halben Jahrhundert. Auch mit der größten Weitsicht kann man das nicht alles vorausschauend planen. Aber unser Anspruch ist es, heute Strukturen zu schaffen, die von den Folgegenerationen in Grundzügen weitergeführt werden können.

Jesberger: Nun zum Thema realer Kapitalerhalt. Und da sind wir bei der eigentlichen Herausforderung. Besonders wenn man bedenkt, dass viele unserer Mandantinnen und Mandanten ihr Kapital mit konservativen Anlagen erhalten möchten und zunächst sehr risikoavers sind.

Was ist beim realen Kapitalerhalt realistisch?

Jesberger: Gesetzt den Fall, Sie lassen einen bestimmten Geldbetrag auf Ihrem Bankkonto liegen, ohne weiter etwas damit zu tun, dann bleibt die Summe von Jahr zu Jahr zwar nominal die gleiche, aber Sie erleiden einen permanenten Kaufkraftverlust durch Inflation. Lange Zeit war diese schleichende Geldentwertung gering, doch seit 2022 beobachten wir einen sprunghaften Anstieg. Für die Zukunft gehen wir von einem Inflationsniveau zwischen jährlich etwa 2 und 3 Prozent aus. Wenn Sie dem entgegenwirken und kein Geld verlieren wollen, müssen Sie das Vermögen bewirtschaften. Delegieren Sie diese Aufgabe an Berater, Vermögensverwalter oder nutzen Sie Finanzprodukte, erhöhen deren Kosten das Renditeziel. Zudem werden die Erträge mit Ertragsteuern, Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer belastet. Unter dem Strich heißt das: Zum realen Kapitalerhalt ist bei einer erwarteten jährlichen Inflationsrate von 2 bis 3 Prozent eine Rendite von ca. 4 bis 5 Prozent notwendig. Beim Vermögensübergang an die nächste Generation können Schenkung- und Erbschaftsteuer das Renditeziel noch weiter steigern. Für institutionelle Investoren gelten andere steuerliche Rahmenbedingungen, die zu etwas geringeren Renditezielen für die Kapitalerhaltung führen können.

Können diese Renditen mit konservativen, möglichst risikofreien Anlagen überhaupt erwirtschaftet werden?

Segura: Als weitgehend sichere Titel gelten Renten, also Bundesanleihen sowie Anleihen von Staaten mit hoher Bonität und stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Unternehmensanleihen rentieren etwas besser als Staatsanleihen. Investmentfähig sind sie von Unternehmen, die über eine hohe Kreditwürdigkeit verfügen, finanziell solide sind und eine starke Wettbewerbsposition haben. Nachdem Bundesanleihen während der jüngsten Niedrigzinsphase sieben Jahre bei 0 Prozent oder darunter rentiert haben, ist die Verzinsung mittlerweile wieder auf etwa 2 Prozent gestiegen. Solide Unternehmensanleihen mit einem sogenannten Investment-Grade-Rating bringen eine Verzinsung von ca. 3 bis 4 Prozent. Daraus folgt: Eine Zielrendite von 4 oder 5 Prozent, die bei unterschiedlichen Inflationsszenarien die Voraussetzung für einen realen Erhalt des Kapitals wäre, ist trotz des aktuell wieder gestiegenem Zinsniveaus mit sicheren, risikoaversen Anlagen allein kaum zu erreichen.

Wenn der risikolose Zins zum realen Kapitalerhalt nicht ausreicht, muss man ins Risiko gehen.

Jesberger: Oft wird der Begriff des Risikos über Schwankungsintensität und Verlustpotenzial definiert. Wir werben dafür, auch das Risiko der Verfehlung der Zielrendite zu berücksichtigen. Nur mit Anleihen wird der reale Kapitalerhalt nicht erreichbar sein, daher benötigt man eine Anlagestrategie, die die Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung erhöht: eine Kombination aus Renten und ertragreicheren Anlageklassen wie beispielweise Aktien. Festverzinsliche Papiere versprechen schon beim Erwerb überschaubare und konstante Einnahmen. Für Aktien ist die Wertentwicklung zwar nicht so leicht kalkulierbar, aber wir können einen Blick in die Vergangenheit werfen. Betrachten wir eine international ausgerichtete Aktienstrategie inklusive Dividenden über einen längeren Zeitraum, sagen wir seit 1970, dann sehen wir bis heute im Durchschnitt eine jährliche Wertsteigerung von rund 8 Prozent.

Wie verlässlich sind solche historischen Betrachtungen für künftige Renditen?

Jesberger: Vielerorts findet sich der Satz, dass vergangene Ergebnisse kein verlässlicher Indikator für künftige Entwicklungen seien. Diesen Vorbehalt schreiben die juristischen Kollegen sämtlicher Compliance-Abteilungen unter jede Kundenpräsentation. Natürlich kann niemand die Zukunft vorhersagen. Doch das stimmt auch nur, wenn wir eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 100 Prozent voraussetzen. Schrauben wir die Erwartungen etwas herunter, dann sind langfristige Kapitalmarktrenditen prognostizierbar.

Segura: Aktienanlagen sind per se volatil und zum Teil sogar heftigen Wertschwankungen ausgesetzt. Die meisten unter uns werden sich an das Platzen der Dotcom-Blase in den frühen 2000er Jahren erinnern oder die Finanzmarktkrise 2008, als der Zusammenbruch von Lehman Brothers in den USA Schockwellen durchs globale System schickte. Doch solche Extremereignisse haben erfahrungsgemäß zeitlich überschaubare Auswirkungen. Je länger sich der Anlagehorizont erstreckt, desto mehr nähert sich die mittlere Rendite unabhängig vom Zeitpunkt des Einstiegs dem langfristigen Durchschnitt an.

Mit welcher Aktienquote arbeiten Sie in den Portfolios Ihrer Kunden?

Jesberger: Wenn wir eine Zielrendite von rund 4 Prozent erreichen wollen, die zum realen Kapitalerhalt notwendig ist, benötigen wir aktuell eine Aktienbeimischung von zwischen 20 und 30 Prozent. Tatsächlich liegt die mittlere Aktienquote in unserem Mandantenkreis bei etwa 55 Prozent.

Segura: Ich fasse noch einmal zusammen: Zum realen Kapitalerhalt braucht es eine Kombination aus strategischer Weitsicht, fundierter Marktkenntnis und einer disziplinierten Umsetzung. Über die Verteilung des Vermögens auf verschiedene Anlageklassen lassen sich mögliche Risiken weiter aussteuern und auch reduzieren.